Konventionelles, Unkonventionelles, Tipps und Tricks zur Fotografie

Fotografieren mit Redscale Film

Wozu sollte ein Bild einen starken Rotstich haben? Diese Frage stellte ich mir, als ich das erste Mal Fotos mit einem sogenannten „Redscalefilm“ gesehen habe. Bis auf die Visualisierung eines Georg Heym-Gedichtes vielleicht möchte ich darin immer noch keinen Sinn sehen, zumal sich so ein Effekt auch recht simpel digital mittels Bildbearbeitung à la Photoshop zumindest imitieren lässt. Da muss man für ein schlichtes Foto nicht extra einen Film verkehrt herum einlegen. Wozu dann dieser Artikel? Dieser Film kann nämlich noch mehr. Es lässt sich so auch weitaus Anderes abbilden als ein Bild mit Farbstich aus bloßem, langweiligem Rot.

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Redscale aus Ferrania
Warme Farben: ein Foto auf Redscale Film muss nicht unbedingt absolut Rot sein, ja es erinnert sogar etwas an ein Polaroid, wenn langsam wieder das Blau durchschimmert (was eigentlich geblockt werden sollte).

Bei besagter Technik ist nicht – so, wie man es gewohnt ist – die lichtempfindliche Schicht eines Farbfilms der Optik zugewandt, sondern, eben anders herum, die unempfindliche Rückseite. Und durch diese Schicht, bestehend aus Trägermaterial, Lichthofschicht und Gelatineschutzschicht (siehe hier), muss sich nun erst einmal das Licht auf die eigentlichen, lichtempfindlichen Schichten „kämpfen“. Ich habe hierbei die Erfahrung gemacht, dass, belichtet man einen solchen Redscalefilm mit der „normalen“ Lichtmenge, also so, wie es durch die ASA-Angabe des Films vorgeschlagen wird,  tatsächlich ein Foto mit einem äußerst ausgeprägten roten Farbstich entsteht. Wie anfangs ja schon erwähnt, gefällt mir so etwas gar nicht.
Dabei lässt sich ja aus so einem „modifizierten“ Film durchaus weit mehr herausholen. Zuerst muss allerdings ein herkömmliches Exemplar Kleinbildfarbfilm etwas „umkonstruiert“ werden. Wem dabei übrigens das Umspulen bzw. Umdrehen eines normalen Films zu kompliziert ist, oder wer dafür keinen absolut dunklen Raum, Abstellkammer oder Kleiderschrank zur Verfügung hat, für den gibt es schon fix und fertig einen Film namens Lomography Redscale. Hier ist es aber genau so wie mit den Pfannkuchen: Selber machen macht mehr Spaß als aus der Tube und ist zudem auch billiger. Nur „kochen“ muss man halt etwas können.

einen Redscale selbst machen

Hinweis: Farbfilme werden im Großlabor maschinell entwickelt. Ich habe zwar noch nie davon gehört, aber rein theoretisch kann es ja vorkommen, dass es in einer solchen Maschine wegen einem selbst zusammengeklebten Film zu Problemen kommt. Ich hafte nicht für Schäden.
redscale umspulen
Umspulen des Filmes in eine andere Patrone

Möchte man seinen Redscale aber selber machen, so sollte man folgendes besitzen: eine (fast) leere Filmpatrone, aus der noch ein Stückchen Film herausragt, eben einen normalen Farbfilm, einen absolut dunklen Raum (unter der Bettdecke geht es aber auch) und ein Stückchen Klebeband. Verwenden Sie keine S/W-Patrone! Würde man dann eine solche (gefüllt mit einem herumgedrehten Farbfilm) zur Entwicklung abgeben, so wird diese im S/W-Entwickler landen, da der Laborant natürlich nicht von einem Farbfilm ausgehen wird. Verwenden Sie eine herkömmliche Kleinbild-Patrone als „Wirt“.
Film ist äußerst lichtempfindlich und darf nur ein einziges Mal mit Licht in Berührung kommen: im kurzen Moment während der Aufnahme in der Kamera.

Man kann aber noch im Hellen, wie auf dem obigen Foto zu sehen, das eine Ende des Farbfilmes an die herausragende Lasche der anderen (fast leeren Wirts-) Patrone kleben und zwar genau anders herum – also so, dass beide matten Seiten (siehe Bild) aufeinander liegen. Die schmalere Zunge des Filmes muss man vorher natürlich abschneiden, damit dieser genau so breit ist wie die Lasche. Und folgendes darf man nun nur im absolut Dunklen machen: der Film wird in die vormals fast leere Patrone gespult. Danach darf man wieder ins Helle gehen und ihn am anderen Ende bzw. von der anderen Patrone abschneiden. Lässt man hier wieder ein Stückchen dran, so hat man schon die Basis für den nächsten selbstgemachten Redscale. Ist doch gar nicht schwer.
Alternativ, wenn man keine zweite Kleinbildpatrone hat, kann man auch versuchen, den Film im Dunklen komplett heraus zu ziehen, diesen bis auf ein kleines Stückchen abschneiden, verkehrt herum ankleben und wieder zurück spulen. Ganz leicht wird dies so aber nicht.

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Eigentlich sollte übrigens darauf geachtet werden, eine Farbfilmpatrone mit gleicher ISO-Zahl (bzw. Kodierung) hierfür zu benutzen – zumindest, wenn man mit Kameras arbeitet, die diese Kodierung (die breiten Striche) abtasten und den eingebauten Belichtungsmesser daraufhin justieren. Ich habe es schon angedeutet bzw. komme gleich darauf zu sprechen: der Redscale-Film sollte überbelichtet werden. Das bedeutet, wenn eine völlig automatische Kamera benutzt wird, die den DX-Code einliest und keine manuelle Einstellungen hat: benutzen Sie mindestens einen 400ASA-Farbfilm (besser 800) als Redscale aber in einer Patrone für 100 ASA! Der Film würde nun automatisch von der Automatikkamera um zwei Stufen überbelichtet werden. Wenn mit einer vernünftigen, manuell zu bedienende Kamera gearbeitet wird, gilt dies alles mit dem DX-Code natürlich nicht.Dem Labor ist es später auch egal, da alle Farbfilme im gleichen „C41“-Prozess standardisiert entwickelt werden.

Kurze Erklärung zu ISO-Einstellung und Belichtung

*Das Objektiv der Lomo Holga gibt es jetzt auch einzeln für z.B. Canon oder Nikon-Digitalkameras zu kaufen! Man schraubt es einfach auf die Digitalkamera und erhält den typischen "Lomo-Look". Verschiedene Anschlüsse verfügbar (bei Amazon).

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Oft (und nachfolgend auch hier) ist zu lesen, dass man einen Film mit einem so und so hohen bzw. geringen ISO-Wert belichten kann. Die ISO-Einstellung gibt es aber nur an Kameras mit eingebautem Belichtungsmesser! Es ist lediglich eine Vorrichtung zum Abgleich von eben diesem für den jeweils verwendeten Film. Man muss den eingebauten Belichtungsmesser also erst einmal auf den jeweiligen Film „eichen“. Möchte man, wie beim Redscale, länger belichten so muss man eine geringere Einstellung vornehmen (also zum Beispiel bei einem 100 ASA Film nur 25 einstellen) und gaukelt der Kamera dann vor, es befände sich ein weniger empfindlicher Film in ihrem Innern, was dann automatisch zur gewünschten Überbelichtung führt, da ein Film geringer ISO-Zahl ja länger belichtet werden muss als einer mit einem hohen Wert.
Dies funktioniert freilich nur bei Kameras mit eingebautem Belichtungsmesser wie z.B. bei der Lomo LC-A. Bei allen anderen Fotoapparaten (Merkmal: keine Batterie) muss man mit einem externen Belichtungsmesser messen oder einfach bei völlig geöffneter Blende und längster Verschlusszeit belichten. Dies klappt bei einem Redscale übrigens erstaunlich gut. Besser ist aber, man benutzt meinen famosen Belichtungsmesser zum selber bauen. Hier geht man dann, benutzt man einen Redscale, vom übernächsten, kleineren ISO-Wert aus (also wenn man eigentlich einen 200-ASA-Film benutzt von 25ASA).

Viele Kameras (z.B. die Lomo Smena Symbol oder die Lubitel) ohne eingebautem Belichtungsmesser besitzen dennoch eine Scheibe bzw. einen Knopf mit ISO- bzw. ASA-Einstellungen. Dieser hat aber keine andere Funktion, als eine bloße Merkhilfe zu sein, was den eingelegten Film angeht. Eine technische Funktion besitzt er [hier] nicht. Dementsprechend bewirkt bei solchen Kameras eine Änderung kein anderes Bildergebnis – eine Änderung muss manuell mit der Blende bzw. Verschlusszeit geregelt werden.

Redscale überbelichten

Belichtet man nun einen solchen Film, um es einmal einfach auszudrücken, mit weit mehr Licht als vorgegeben, scheint sich jenes auch zu den Schichten „vorzuarbeiten“, welche für andere Farben sensibilisiert sind und folglich werden nun auch diese (schwach) abgebildet – So mache zumindest ich mir einen Reim darauf. Das freut mich. So etwas lässt sich schon eher sehen. Ein kleiner Vergleich:

kurz belichteter Redscale
Der typische „Redscale-Look“ bei einer Lomo-Kamera: viel mehr als „hm, rot“ lässt sich hierzu gewiss nicht sagen. Das Bild wurde relativ kurz mit einer Belichtungszeit der Blende und Filmepfindlichkeit entsprechend belichtet. Der Rotstich dominiert.

 

oranger redscale film
Hier wurde dafür länger belichtet. Das dominierende Rot weicht einem Gelborange.

 

lange belichteter umgedrehter Film
Dieses Foto wirkt im Vergleich zum ersten schon fast „normal“. Belichtet wurde ca. 3 Blenden über. Vage lässt sich sogar etwas Blau im Himmel ausmachen.

Hier heißt es natürlich auch experimentieren. Die Bilder wurden auf dem genialen Ferrania Solaris 100 aufgenommen und die, die den geringsten Rotstich aufweisen, um ca. 3 Blenden überbelichtet. Arbeitet man mit einer Kamera mit eingebautem Belichtungsmesser, muss man diesen etwas anschwindeln und den ISO-Wert entsprechend unter dem richtigen einstellen. Bei einem 200 ASA Film z.B. wären dies für eine Überbelichtung um 3 Blenden 25 ISO.

Redscales kaufen

*Ein sogenannter "Redscale-Film" erzeugt bei bewusster  Überbelichtung eine Farbwiedergabe ähnlich wie bei Polaroids: Blau und Bildschärfe werden dezent zurück gehalten und warme Farben dominieren. Belichtet man normal, erhalten die Bilder eine starke Rotdominanz. Einen fix und fertig konfektionierten Redscale von Lomography kann man z. B. bei Amazon kaufen.

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Wem die Sache mit dem Umspulen herkömmlicher Filme nun wirklich zu heikel ist (man braucht hierzu ja auch einen absolut dunklen Raum), für den gibt es von Lomography bei Amazon bereits fertig umgedrehte Filme zu kaufen (wobei nicht gerade günstig). Der etwas teurere „XR 50-200“ lässt sich willkürlich überbelichten – Man kann ihn also schon wie ein 25 ISO Film behandeln (bzw. den Belichtungsmesser der Kamera darauf einstellen / oder eben ganz manuell mehr bzw. länger belichten) und ist somit in der Lage, auch kühlere Farbtöne in Richtung Blau zusätzlich zum Rot-Orange abzubilden. Ob dies nun in einem besonderen Maße geschieht, kann ich nicht beurteilen. Fakt ist nur, dass dies auch mit jedem anderen Redscale funktioniert, da fast jeder Negativfilm einen variablen Belichtungsspielraum aufweist. Ich habe ja bereits beschrieben, wie man sich hierbei vom einfachen Rot verabschieden kann.

Fotos mit der Lomo Kamera

Und noch ein paar Beispielfotos mehr. Auch hier wurde bewusst überbelichtet, was teilweise zu dem Ergebnis führte, dass der Farbton nun über ein schlichtes Rot in Orange nach Grün und teilweise sogar bis hin zu einem ganz leichten Blau reicht. Teilweise erinnern einige dieser so gemachten Fotos sogar an die Bilder einer alten Polaroid Kamera oder an eine vermeintlich falsche Filmentwicklung eines Diafilms im C41 Negativprozess (crossen). Die Bilder entstanden mit meiner Lomography Smena Kamera. Die Farben sind recht homogen, satt und eben verfälscht.

 

Beispielbild

Vogel

Beispielbild Redscale Film

Die Bilder wurden bei stets geöffneter Blende (f/4) gemacht. Als Film diente der Ferrania Solaris 100. Es handelt sich um Scanns direkt vom Negativ. Zu beachten ist, dass die Scannersoftware versucht, eine Farbkorrektur vorzunehmen. Deren Ergebnisse fand ich sehr ansprechend und ich habe es dabei gelassen. Ich gehe davon aus, dass eine entsprechende Korrektur automatisch ebenso im Großlabor vorgenommen wird.

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Zum Schluss stellt sich vielleicht die Frage, ob, wenn ein Film in einem solchen Grade überbelichtet wird, die Negative nicht viel zu dicht werden – werden sie beim Redscale-Prinzip nicht (oder zumindest noch in einem vertretbaren Umfang): überbelichtet wird hierbei ja lediglich die rotempfindliche Schicht und diese auch, bedingt durch die (hier dann) davor liegende Schutzschicht, in einem eigentlich geringeren Maße als angenommen. Diese Schutzschicht dient hier sozusagen als eine Art „Graufilter“.

Nachtrag

Den Redscale um bis zu vier Blenden überbelichten

Nun wollte ich es doch einmal wissen: Was passiert, belichtet man einen so modifizierten Film ganze 4 Blenden über? Ist er dann hinüber? Wie sieht es mit den Farben aus? Es funktioniert aber erstaunlich gut! Ein Überbelichten von drei Blenden entspricht eine schon achtfache Belichtungszeit als vorgegeben. Also habe den Solaris 100 (verkehrt herum natürlich) um ganze vier Blenden, also mit der 16fachen Menge an Licht, überbelichtet. Gibt man diesem so präparierten Film weitaus mehr Licht als angegeben, zeigt er sich auf einmal wieder von einer ganz anderen Seite:

lange belichteter RedscaleBei diesem Foto wurde der eigentliche Redscale-Effekt quasi wieder „ausgehebelt“. Sogar das Azur des Himmels kommt auf einmal wieder (leicht) zum Vorschein. Ansonsten dominiert ein angenehmer, sehr warmer Farbton. So habe ich es am liebsten – ganz ohne auf Crossen oder gar teurem Polaroid zurück greifen zu müssen. Dieser Effekt ist mir aber selbst bei einer solch starken Überbelichtung nicht bei allen Bildern gelungen. Ein Film macht eben manchmal trotzdem, was er will:

 

weiteres Beispielbild

Beispielfotos

redscale Foto

noch ein Beispiel

Wie man gut sehen kann, varieren die dominanten Farben hier zwischen einem warmen Orange-Gelb und Grün. Das eigentliche knallrote Rot ist aber nicht mehr vorhanden. Es muss hierbei allerdings auch gesagt werden, dass Farbpositive immer einer gewissen Farbkorrektur unterliegen – auch bei diesen Bildern. Da ich hier die Negative direkt eingescannt habe, oblag diese Korrektur der Scanner-Software. Bei einem Print aus dem Großlabor versucht die Maschine eine Korrektur, bei einer echten Handvergrößerung muss man die jeweiligen Farben ohnehin manuell ausfiltern. Doch wo nichts ist, kann auch nichts sein – durch Überbelichten eines Redscales erhält dieser Film aber wieder seine zusätzlichen Farben, wenn auch nur zaghaft, was ja aber gerade den Reiz an solchen Bildern ausmacht.

zusätzliche Verwendung eines blauen Filters

*Der Rollei Negativscanner ist die günstigste und einfachste Möglichkeit, Kleinbild Negative und Dias zu scannen. Freilich dürfen Sie für den Preis keine hohe Druckqualität erwarten! Doch für die Präsentation Ihrer analogen Bilder im Internet reicht der kleine Digitalisierer durchaus. Auf Amazon gibt es verschiedene Modelle.

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In der Regel werden nur Farben abgebildet werden, die im Farbkreis – z.B. nach Goethe – nahe dem Rot sind. Wie erwähnt, lassen sich hier durch eine konsequente Überbelichtung auch die Farben Orange bis Grün erreichen und Blau leicht andeuten. Letztere Farbe lässt sich aber „verstärken“ – und zwar mit einem Blaufilter. Ein solcher Filter spielte bisher nur in der S/W-Fotografie eine Rolle, wenn auch nur eine untergeordnete. Er macht das Blau später auf dem Schwarz/Weiß Film heller und bewirkt parallel, dass Farbtöne in Richtung Rot dunkler bis schwarz wieder gegeben werden (z.B. die Haut oder vielmehr die Lippen einer Person). Bei einem Farbfilm würde er nur für einen Blaustich sorgen – nicht aber bei einem Redscalefilm. Er wirkt hier, da dieser Film ja fast „blaublind“ ist, wie eine Art „Verstärker“ und ermöglicht, die dezente Wiedergabe eben auch des Farbspektrums Blau. Den Blaufilter muss man hierfür lediglich vor das Objektiv schrauben oder während der Aufnahme halten. Berücksichtigen hierfür muss man aber, sollte die Kamera nicht eine Elektronik besitzen, die das Licht direkt durch das Objektiv misst (Spiegelreflexkamera), dass der Film nun nochmals um ein bis zwei Stufen (Blenden) mehr belichtet werden muss als eigentlich vorgegeben, da so ein Filter durch seine Tonung ja einen Teil des Lichtes „schluckt“. Mittlerweile sind wir damit an einem Punkt angelangt, bei dem ein Film mit einem Grundwert von 400 ISO selbst bei Sonnenschein Voraussetzung sein sollte.

Artikeldatum: 6.12.2011 / letzte Änderung: 1. Mai 2016

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